Predigt
im Januar 2026, Predigt im Altenheim
„Wer ist das Kind in der Krippe?“
Jesaja 61, 1+3
Liebe Gemeinde,
Die meisten unter uns mögen ja Krippen. Hier auf dem Altar hat bis gestern auch eine gestanden. Wie war das früher? Hatten Sie auch eine zuhause? Als Ihre Kinder noch klein waren?
Es ist schön anzuschauen, wie Maria und Josef an der Krippe stehen. Und wir haben Freude daran. Das Jesuskind liegt da so lieb und süß. Darum die Hirten, die Weisen, Ochs und Esel … Nicht nur für Kinder ist die Weihnachtsgeschichte sehr anschaulich.
Im Gottesdienst mit den ganz kleinen Kindern am Heiligen Abend haben wir auch wieder eine Krippe aufgestellt. Wir haben mit den Kinder an der Krippe die Weihnachtsgeschichte erzählt und nachgespielt. Das war sehr schön für die Familien.
Und so anschaulich wie lieblich sind Krippen tatsächlich auch ursprünglich gedacht.
Schon Anfang des 17. Jahrhunderts hat jemand geschrieben:
„Das ganze ist so geschickt arrangiert, dass das Frömmigkeitsgefühl der Beschauer aufs lebhafteste erregt wird. Sie glauben dem wunderbaren Ereignis selbst beizuwohnen, mit eigenen Ohren das Wimmern des Kindes und die himmlische Musik zu hören, mit eigenen Händen die Windeln zu ertasten, und ein Schauer erfasst sie.“ (Philippe de Berlaymont, 1619, in: Wikipedia „Weihnachtskrippe“)
So süß und lieblich uns das Kind in der Krippe auch erscheinen mag, so gibt es doch etwas, was es dabei zu bedenken gilt. Davon handelt der heutige Predigttext.
Der Predigttext klingt, als hätte Jesus später als Erwachsener diese Worte gesagt. Tatsächlich aber steht er im Alten Testament. Er greift Verse des 61. Kapitels des Buches Jesaja auf. Zwei davon will ich lesen.
„1 Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; … 3 zu schaffen den Trauernden zu Zion, dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, »Pflanzung des HERRN«, ihm zum Preise.„
Ich finde, das klingt gar nicht mehr nach süßem Jesuskind. Sondern?
Hier wird die Sendung Jesu in die Welt deutlich gemacht.
Wir feiern Weihnachten, das Kind in der Krippe. Doch warum hat Gott Jesus gesandt? Nicht um der lieblichen Anschauung willen, sondern um den Benachteiligten in dieser Welt Trost, Würde und Gerechtigkeit zukommen zu lassen.
Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass wir nach dem Weihnachtsfest und zu Beginn des neuen Jahres diesen Hinweis bekommen.
Denn in der Krippe geht es um viel mehr als um ein schönes Bild. Es geht um den Heiland der Welt. Gott beugt sich herab in diese Welt; er sucht den Weg der Niedrigkeit auf, betritt und geht ihn.
Warum? Ihm geht es um die Menschen, die nicht einfach auf Rosen gebettet sind und die es sich Wohlsein lassen. Ihm geht es um die Menschen, die in Sorgen leben, in Ängsten, unter Ungerechtigkeit leiden, unter Verlusten von Menschen, die das Leben spüren in seiner ganzen Problematik, in seiner ganzen Angegriffenheit, ja in seiner ganzen Hinfälligkeit. Darum begibt er sich in den Stall. Darum macht er es so anders, als wir es uns mit unseren menschlichen Gedanken von Gott vorstellen.
Diese Jesuskind wird als Erwachsener zu seinen Jüngern sagen: (Mt 9,12)“Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.“ Und die Kranken sind nicht einfach die, die mit Fieber im Bett liegen oder sich das Bein gebrochen haben, sondern die Leidenden aller Art und aller Tage. Zu denen kommt der Arzt Jesus.
Ja, und der Stall und die Krippe selbst weisen schon über alle Lieblichkeit hinaus: in die Niedrigkeit der Welt. Gott entäußert sich seiner Macht, indem er Mensch wird, einer von uns. In einem Notquartier wird er geboren. Der Stall ist ein Ort, wo Menschen noch untergebracht werden, wenn kein Platz mehr für sie ist. Und der Futtertrog ein Behelf.
Dieser biblische Hinweis darauf, dass in der Krippe nicht einfach das süße Jesuskind liegt, kann uns heute morgen hier in der Blankstraße Mut machen. Gerade auch der Trost, den Gott durch seinen Sohn Jesus in die Welt bringt, wird hier im Predigttext angesprochen.
Als ältere Menschen spüren wir ja, wie unser Leben angegriffen wird. Wir spüren es an den gesundheitlichen Einschränkungen. Wir spüren es an den Gedanken an das Leben, wie wir es früher einmal leben konnten. Wir spüren es an den Sorgen um diese Welt, die immer noch nicht klug wird und vielleicht niemals klug werden wird.
Wir trauern ja auch vielfach. Je älter man wird, um so mehr hat man wohl Grund dazu. Die Verluste eines langen Lebens sind vielfältig. Und je älter man wird, um so mehr gewinnen sie noch an Gewicht. Es fängt schon früh im Leben an: Verlust der vertrauten meist als heil empfundenen Kindheitswelt, die zerbricht, irgendwann im Leben Verlust der Eltern, von Freunden, des Partners bzw. der Partnerin, manchmal sogar der eigenen Kindern …
Die Trauernden werden im Predigttext besonders bedacht; sie sollen Trost haben – ich lese das noch einmal: Jesus ist gekommen „zu schaffen den Trauernden [zu Zion], dass ihnen Schmuck statt Asche, Freudenöl statt Trauer, schöne Kleider statt eines betrübten Geistes gegeben werden“.
Dieses Jesuskind, dass da lieblich in der Krippe liegt, wird der sein, der den Tod überwindet. Er wird den Grund allen Trostes legen. Er lässt uns wissen, dass unsere Sorgen und Nöte, alle Schuld auch, die wir auf uns geladen haben, am Kreuz getragen wurden und uns der Weg zu Gott offen steht. Ihm wollen wir darum vertrauen und uns bei ihm bergen.
Im Advent liest mir meine Frau immer wieder einmal aus einem sog. „Alternativen Adventskalender“ vor. Einmal vor Weihnachten ließ mich ein Satz aufhorchen: „Wir suchen Gott an der falschen Stelle.“ Ja so ist es oft. Wir suchen, wie Menschen sich Gott vorstellen: Erhaben, groß, voller Macht, der alles kann. Wir schauen auf weltliche Macht und verlängern diese in den Himmel und meinen, dass so Gott ist. Aber die Bibel offenbart uns einen ganz anderen Gott: der die Kleinen, Schwachen aufrichtet, ihnen Würde, Behausung und Heimat verleiht und ihnen Gerechtigkeit zusagt. Sie können ihre Stärke, ihre innere Kraft, ihren Trost im Vertrauen auf diesen Jesus finden und nicht im Verlass auf brüchige Machtverhältnisse, wie Menschen sie konstruieren.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Amen.







