Predigt
Sommer 2026, vor Senioren
Christliche Gemeinschaft
Apostelgeschichte 4,32-37
1
Liebe Gemeinde,
„Geben ist seliger denn nehmen.“ Das ist ein altes Sprichwort. Sie kennen es alle noch. Festgestellt habe ich, dass es junge Menschen nicht mehr kennen. Wir Älteren sind damit groß geworden
Man kann natürlich fragen: stimmt das denn? Geben wir tatsächlich lieber etwas, als wir etwas nehmen? Verschenken wir lieber etwas, als dass wir etwas geschenkt bekommen? – Mmh … vielleicht … manchmal ja – zu Weihnachten … aber überwiegend doch eher nicht … oder?
Man muss sagen, dass man in der heutigen Zeit doch oft den Eindruck haben kann, dass das Nehmen beliebter ist. Überall will irgendwer einem irgendetwas verkaufen. Und da geht es oft nur darum, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen.
„Darf es etwas mehr sein?“ Der Satz der freundlichen Verkäuferin an der Fleischtheke ist sicherlich wirklich freundlich gemeint. Oft ist es aber auch so, dass Verkäufer*innen vom Chef gehalten sind, weitere Artikel anzubieten, um noch ein kleines zusätzliches Geschäft einzufangen. Oder die Quengelzone an der Kasse. Oder die Sortierung der Regale. Man könnte jetzt immer weiter machen. Aber das ist alles nichts gegen das Internet. Die jungen Menschen müssen auf der Hut sein …
Nochmal nach diesem – unverfänglichen – Beispiel die Vermutung: Für viele ist heute das Nehmen seliger denn das Geben. –
2
Mit unserem Predigttext heute machen wir einen Ausflug in die ersten Christengemeinden. Und in ihm geht es darum, dass es für die ersten Christ*innen genau umgekehrt war: das Geben war tatsächlich seliger als das Nehmen. –
Jesus war auferstanden. Er war zum Himmel aufgefahren. Und nun formierten sich die ersten Gemeinden und versuchten die Liebe, die er geschenkt hatte, zu leben. Sie trafen sich in ihren Häusern; sie lasen in den alten Schriften – wir würden heute sagen: sie lasen im Alten oder im Ersten Testament -; sie hielten die Erinnerung an Jesus wach, der ja einmal wiederkommen würde. Und sie feierten darum insbesondere das Abendmahl.
Und nun berichtet die Apostelgeschichte fast Unglaubliches von diesen ersten Gemeinden – nämlich dass das Geben für diese Menschen tatsächlich seliger war denn das Nehmen – und zwar in einem Ausmaß, das erstaunen lässt.
Ich lese aus dem vierten Kapitel der Apostelgeschichte (Act 4,32-37):
32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.
34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte
35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.
36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,
37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.
So weit dieser Predigttext. – Da kann man nur staunen! Auch wenn wir uns als aufrichtige Christ*innen ansehen, zu solch einer Großzügigkeit wäre von uns wohl kaum jemand bereit. Wir sind kein Franz von Assisi und auch kein Petrus Valdes, dem Begründer der Waldenserkirche, die ihrem Reichtum entsagten. Auch wenn es durchaus großzügige Menschen gibt, die sehr viel, ja manche auch sehr, sehr viel für andere abzugeben bereit sind.
[Übrigens: dass es damals auch nicht so einfach war, erfährt man schon im nächsten Kapitel der Apostelgeschichte.]
3
Also: unser heutiger Predigttext sagt nun genau das: dass Geben seliger ist als Nehmen.
Jedenfalls für die ersten Christengemeinden und für Christenmenschen. Und das ist kein Zufall.
Warum? Warum haben die ersten Christen das so gemacht?
a)
Antwort: Durch dieses Verhalten versuchten die ersten Christ*innen, dem Beispiel Jesu zu folgen. Es hatte ihnen eingeleuchtet, dass Jesus eine bessere Lebensart für sie praktizierte, als es Menschen gewöhnlich füreinander tun.
Was hatte Jesus getan? Was hatte die Menschen so sehr an ihm so fasziniert? Dass er ihnen immer etwas „gegeben“ hatte, nämlich:
– Brot, wie bei der Speisung der 5000,
– Tischgemeinschaft, z.B. dem kleinen Zöllner Zachäus,
– Zuwendung z.B. dem blinden Bettler Bartimäus, dem Kranken am Teich Bethesda, der Tochter des Synagogenvorstehers von Kapernaum Jairus,
– Hilfe – ja, auch an gesetzlichen Feiertagen: z.B. das Ährenraufen der Jünger am Sabbat, die Heilung eines Mannes am Sabbat („wassersüchtig“), die „gekrümmte Frau“ – Jesus heilte mehrmals am Sabbat.
– Schutz: z.B. der sog. Sünderin, die gesteinigt werden sollte
– Sogar: Zuspruch der Sündenvergebung hatte er Menschen gegeben: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ [Mt 9,22; Mk 10,52 ; Lk 7,50; Lk 8,48; Lk 17,19; Lk 18,42]
Sie kennen alle diese biblischen Überlieferungen!
Diese Zuwendung, die Jesus Menschen immer gegeben hatte, wollten die ersten Christ*innen miteinander leben.
Die Zuwendung insbesondere zu den Benachteiligten, denen, die es schwerer als andere haben, so wie Jesus es gemacht hatte, war ihr Motiv.
Der Ausgleich zwischen denen mit starken und denen mit schwachen Schultern ist von Anfang an immer ein Ausdruck des Glaubens der Christenheit gewesen – von Anfang an und ist es noch. Es gibt unzählige Beispiele in den Jahrhunderten.
Wir sind ja hier in einem Haus, das von der Diakonie getragen wird. Nehmen wir also als Beispiel die diakonischen Werke, die im 18.-19. Jahrhundert entstanden sind. In der Zeit der Industrialisierung musste man viel grundsätzlicher und umfassender helfen, als das bis dahin übliche Almosengeben.
Und schauen wir auf uns selber hier: wir benötigen ja auch alle der Zuwendung: hier im Stift, also in einer Alterseinrichtung, wird es besonders augenfällig: alle haben, wie man es heute ausdrückt, „Bedarfe“; der eine hat Schmerzen; der andere kann kaum laufen, wenn überhaupt, das Augenlicht will nicht mehr so – usw. Und christliche Gemeinden haben auch dieses Haus hier ins Leben gerufen. Und damit stehen wir hiermit tatsächlich in der Tradition, die die ersten Christ*innen schon praktiziert haben, und in der Nachfolge Jesu, auch wenn es heute in professionellen Bahnen mit Kranken- und Pflegekasse und Eigenbeiträgen läuft.
Also: „Geben ist seliger denn nehmen“ geschieht als Nachfolge Jesu. Es ist wenn man so will ein Gegenmodell zu der „normalen“ Gesellschaft –
b)
Aber mehr noch. „Geben ist seliger denn nehmen.“ Diese Haltung hat für uns Menschen immer ein Ziel über die Hilfe hinaus.
Das Ziel, das Jesus mit seinem Tun auch immer verfolgt hat und was auch Grundlage christlicher Gemeinschaft und diakonischer Tätigkeit ist: Menschen werden durch die Zuwendung, durch das „Geben“ in die Gemeinschaft zurückgeholt.
Das können wir bei all den genannten biblischen Überlieferungen sehen. Wem geholfen wurde, der kann wieder an einem normalen Leben teilnehmen. Er/sie ist nicht mehr isoliert, sondern kann sein Leben in Gemeinschaft fortsetzen.
Bei Jesus selbst wird das in den Erzählungen besonders deutlich, wenn er sog. „Aussätzige“, also eigentlich Leprakranke, heilt. Die wohnten ja außerhalb der Städte, um andere nicht anzustecken. Nachher konnten sie wieder in ihren Heimatort zu ihren Familien zurück.
Wir kennen das noch von Covid. Da mussten wir uns alle voneinander isolieren. Gerade auch die, die in einer Alterseinrichtung lebten, hatten besonders darunter zu leiden. Nachdem es Mittel gegn die Krankheit gibt, ist auch ein Miteinander wieder möglich.
Also: Jesus hat die Menschen immer wieder „integriert“, würden wir heute vielleicht sagen. Oder mit einem noch moderneren Ausdruck:er hat Menschen „Teilhabe ermöglicht“.
Jesus wollte eben nicht, dass Menschen alleine bleiben mit ihren Sorgen, Nöten und Ängsten. Und die ersten Christen wollten es ihm gleich tun. Und das ist bis heute so geblieben, wo echte christliche Gemeinschaft gelebt wird.
So bleiben wir in Christus. Wir bleiben in der Gemeinschaft der Liebe Christi. Wir leben und erleben Nächstenliebe. Jede/r für sich, aber eben in echtem Miteinander.
c)
Das Tiefgründigste daran ist aber nun, liebe Gemeinde, dass die Christ*innen mit ihrer besonderen Gemeinschaft den Tod und die Auferstehung Jesu bezeugen. –
Uns ist es vermutlich nicht immer bewusst: beim Tod Jesu am Kreuz geht es ja auch um Gemeinschaft. Jesus macht uns vor Gott recht, er trägt die Sünde der Welt. D.h. in der Konsequenz: Er stellt die zerbrochene Gemeinschaft wieder her – die Gemeinschaft mit Gott. Wir haben Zugang zu Gott. Gott sucht den Menschen auf und er sorgt dafür, dass die Menschen zu ihm finden können.
Dass Gott so für den Menschen sorgt, dass Gott Menschen teilhaben lässt an der Gemeinschaft mit ihm, das ist der tiefste Grund für die Gemeinschaft der Christ*innen der ersten Stunde.
Und beim Abendmahl, der innigsten Gemeinschaft, die die christliche Gemeinde kennt, wird es ja sogar gesagt: „Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ (1. Kor. 1, 26)
Und bei der Taufe ist es auch so. In der Taufe werden wir mit Christi Tod und Auferstehung verbunden: „Alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft.,“ sagt Paulus, und weiter: “ … wenn wir mit ihm zusammengewachsen sind, ihm gleich geworden in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.“ (Röm. 6)
Die Gemeinschaft, wie die ersten Christ*innen und viele nach ihnen bis zu uns heute versuchen zu leben, formiert sich um den Kern christlichen Glaubens.
Schluss:
Und so liegt es auf der Hand. Es hat tatsächlich etwas mit unserer Seligkeit zu tun – das Leben einer Gemeinde.
„Geben ist seliger den Nehme“: weil es neue Lebensmöglichkeiten schafft und Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben ermöglicht und letztlich alles darin begründet liegt, dass Gott für uns da ist und da war und alles zu unserer Seligkeit getan hat.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.







