Predigt
Zu Beginn der Passionszeit 2026 – Vor Senior*innen
Der blinde Bettler vor Jericho
Lukas 18,35-43
35Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, daß ein Blinder am Wege saß und bettelte. 36Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. 38Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39Die aber vorne an gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 40Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: 41Was willst du, daß ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, daß ich sehen kann. 42Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! aDein Glaube hat dir geholfen. 43Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.
Liebe Gemeinde,
den Blinden können wir nur allzu gut verstehen. Ich weiß nicht, wer von Ihnen noch sein Augenlicht hat, wie es früher einmal war. Wohl keine/r unter uns!
Manche können gar nichts mehr erkennen, manche können noch verhältnismäßig gut lesen. Aber die großen Buchstaben in unseren Liederbüchern zeigen ja schon, dass es mit unseren Augen nicht mehr so gut bestellt ist. Die das Buch gemacht haben, wissen das.
Die große Lebensnot des Blindseins war bei dem Bettler am Stadtrand von Jericho das Dunkel seines Lebens. Die Lebenschancen eines Sehenden sind ihm verwehrt gewesen. Er war auf das Betteln angewiesen.
Auch unsere Lebenschancen gehen zurück. Wir werden immer älter. Wir sehen schlechter. Vielleicht ist aber unsere Lebensnot auch eine ganz andere, eine Krankheit vielleicht, Schmerz vielleicht, der uns jeden Tag aufs Neue peinigt, oder vielleicht Enttäuschungen, die wir im Leben erfahren haben, die an uns nagen, vielleicht auch tiefer Groll. Vielleicht auch Angst, weil es wieder Nazis gibt, die sich breit machen – und Ihre Generation weiß ja noch, was das heißt.
Und nun könnten wir neidisch werden, weil diesem Bettler tatsächlich das Augenlicht wieder geschenkt wird. Er wird von seinem Leiden erlöst. Oh wie schön wäre es, wenn auch uns das so gegeben würde!
Liebe Gemeinde,
ich möchte Sie heute morgen auf nur eines in dieser Geschichte hinweisen, was aber gewiss das Wichtigste an ihr ist:
nämlich der Satz, den Jesus dem Bettler nach vollzogener Heilung sagt: „Dein Glaube hat dir geholfen.“
Es ist nicht sein Schreien, das dem Bettler hilft! Damit macht er Jesus aufmerksam auf sich und insofern ist es ganz wichtig. Es ist auch nicht das Mitleid, das Jesus gepackt hat, und er dem Bettler deshalb hilft.
Sondern es ist dessen Glaube: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ sagt Jesus.
Welcher Glaube? Was ist sein Glaube? Hat er denn schon Glauben? Er hört doch vielleicht zum ersten Mal von Jesus!
Was ist sein Glaube? – Sein Glaube ist, zu erkennen, mit wem wir es bei Jesus zu tun haben.
Sein Glaube ist sein Vertrauen in Jesus, dem Sohn des sich erbarmenden Gottes!
Und jetzt kommt das Entscheidende in dieser Geschichte überhaupt!
Diesen Glauben hat der Blinde, als Jesus noch auf dem Weg ist,
nämlich auf dem Weg zu vollenden, wozu er in die Welt gekommen ist!
Er hat Jesus, wer er tatsächlich ist, bereits jetzt erkannt, obwohl Jesus ja noch alles vor sich hat, was ihn in Jerusalem erwartet. Er weiß es schon, obwohl jesus KArfreitag und Ostern noch vor sich hat. Der Bettler hat schon, wenn man so will, einen Osterglauben.
Das ist sein Glaube, der ihm hilft!
Der sich erbarmende Gott. Er wird hier im Predigttext beschrieben.
Aber nicht nur durch das, was dem Bettler geschieht. Das könnte auch ein Zufall sein. Das könnte auch ein Zauberer tun, der eine Wunderheilung vermag.
Sondern durch das, was von den Propheten über den Menschensohn geschrieben wurde.
Was steht bei ihnen geschrieben?
Sie kennen ja viele biblische Geschichten. Können Sie sich erinnern, dass Jesus ganz am Anfang, als er auftrat, in der Synagoge von Nazareth war? Da hat er tatsächlich schon selbst die Propheten gelesen und aus ihnen vorgelesen. Er hat da eine Stelle des Propheten Jesaja auf sich selbst bezogen (Jesaja 61,1-2): 18«Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, daß sie frei sein sollen, und – jetzt kommt’s – den Blinden, daß sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen»
Jesus sieht sich selbst als Erfüller dieser Prophetenankündigungen. Er ist der Erfüller dessen, was die Propheten vom „Menschensohn“ sagen.
Und hier kurz vor unserem Predigttext sagt er es auch, dass er diese Erfüllung vollendet. „Es wird vollendet!“ – Darum habe ich zu Beginn unseres Gottesdienstes den Wochenspruch statt eines Psalms gelesen.
„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“
Das ist der Wochenspruch für diese Woche: Lukas 18,31.
Und weiter:
32Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, 33und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen.
Also: unsere Geschichte heute von der Blindenheilung spricht von etwas noch Größerem als der eigentlichen Heilung an dem blinden Bettler. Das ist wahrlich schon etwas sehr Außergewöhnliches und Großes, was Jesus da tut.
Aber tatsächlich geht es um noch mehr, darum, dass Jesus auf dem Weg ist, noch Größeres zu tun. In Jerusalem wird er leiden für die Menschen, für die Menschheit; er wird das Scheitern der Menschheit auf sich nehmen.
Die Blindenheilung in unserem Predigttext zeigt, dass Jesus sich in seinem Leiden auf die Seite der Leidenden stellt,und dass er sie zum Licht führt. „Dein Glaube hat dir geholfen“ heißt: Dein Augenlicht hat den Heiland gesehen!
Das ist das ‚Augenlicht des Glaubens‘, den Heiland zu sehen! Den Messias, der am Kreuz und in der Auferstehung alles für uns getan hat. Es gilt uns. Jeder von uns. Jedem unter uns.
Darauf können wir uns in unserem Leben verlassen. Das ist es, was uns Ruhe gibt in den Stürmen schlafloser Nächte, in Krankheiten, Angst und Not hilft. Und „nicht nur“ bei nachlassendem Augenlicht!
Jesus ist auch an uns nicht vorbeigegangen, sondern hat sich aufgeopfert für uns. Er hat das Licht des Glaubens in uns angezündet.
Und so wissen wir: Jesus ist uns nahe an den Orten und in den Lebensstationen, an denen wir unsere eigene Ohnmacht empfinden. Er ist uns nahe auf dem Krankenlager, im Trauerhaus, in die Krise des Alltags.
Wir bleiben nicht blind für das Heil, weil wir uns nicht auf uns selbst geworfen wissen, weil wir mit unserer Antwort auf die Frage: Was willst du, das ich dir tun soll?, nicht im Regen stehen gelassen werden. –
Und noch zwei ganz kleine Bemerkungen:
Die Heilung dieses Blinden vor Jericho ist die letzte Heilung, die der Evangelist Lukas erzählt. Er hat sie ganz eng mit der sogenannten letzten Leidensankündigung verknüpft. Das hilft uns, dass auch uns die Augen geöffnet werden, wo wir das Heil für uns finden können.
Und das Zweite:
Vergessen wir nicht, wenn er uns gesund, froh und heil gemacht hat, das zu tun, was wir hier am Ende lesen: „Und sogleich … folgte er ihm nach und pries Gott.“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.







